Ellrich-Juliushütte

Im Außenlager Ellrich-Juliushütte mussten ab Mai 1944 über 6.000 Häftlinge auf Baustellen verschiedener Untertageverlegungsprojekte und für lokale Unternehmen Zwangsarbeit leisten. Im Oktober 1944 wurde das Lager dem KZ Mittelbau unterstellt. Die Todesrate war extrem hoch: Etwa die Hälfte der Häftlinge starb durch Hunger, Zwangsarbeit, Krankheiten und Misshandlungen. Anfang April 1945 wurden die Überlebenden mit dem Zug in Richtung Bergen-Belsen und Sachsenhausen deportiert. Seit 1998 treibt das Projekt „Jugend für Dora“ die Ausgestaltung des Geländes als Gedenkort voran. Seit Anfang 2020 besteht zudem die örtliche Initiative „Wir zeigen Gesicht“.

Historische Situation

Bezeichnung

Deckname „Erich“, später „Mittelbau II“

Zwangsarbeit

Arbeit auf Baustellen verschiedener Untertageverlegungsprojekte, sowie für die Infrastruktur und für lokale Unternehmen

Gegründet

Mai 1944

Aufgelöst

April 1945

Das Lager wurde im Mai 1944 als Außenlager des KZ Buchenwald gegründet und im Oktober 1944 dem neu gegründeten KZ Mittelbau unterstellt. Fortan war es, teilweise auch als Lager „Mittelbau II“ geführt, mit bis zu 8.000 Häftlingen das größte Außenlager des KZ Mittelbau.

Häftlinge

Männerlager

Maximale Anzahl der Häftlinge

8.000

Schon vor der Unterstellung unter das KZ Mittelbau im Oktober 1944 stieg die Zahl der Häftlinge auf über 6.000 an. Im Januar 1945 erreichten Transporte aus den aufgelösten KZs Auschwitz und Groß-Rosen das Lager, sodass es auf über 8.000 Häftlinge anwuchs. Sie kamen aus fast allen Ländern Europas: Etwa ein Drittel aus der Sowjetunion (darunter viele Ukrainer), ein Viertel aus Polen, etwa zehn Prozent aus Frankreich und acht Prozent aus Belgien, darüber hinaus aus Italien, Jugoslawien, der Tschechoslowakei, den Niederlanden und Deutschland. Etwa zehn Prozent waren Sinti und Roma, bis zu sieben Prozent waren Juden. Als Funktionshäftlinge wurden von der SS zunächst politische Gefangene, später vor allem als „Berufsverbrecher“ kategorisierte Deutsche eingesetzt.
Die SS verlegte aus dem KZ Mittelbau zunehmend die besonders kranken und geschwächten Häftlinge nach Ellrich, da diese für die Produktion von V-Waffen nicht mehr „geeignet“ erschienen. Entsprechend war die Todesrate, selbst für die Bedingungen eines Konzentrationslagers, extrem hoch: Etwa die Hälfte der in Ellrich-Juliushütte gefangenen Häftlinge starb durch Hunger, Zwangsarbeit, Krankheiten und Misshandlungen. Noch im März 1945 ließ die SS auf dem Gelände eine Verbrennungsanlage errichten, um die Leichen einzuäschern. Am 4. und 5. April 1945 wurden die Häftlinge mit dem Zug in Richtung Bergen-Belsen und Sachsenhausen „evakuiert“. Ein Teil von ihnen wurde noch am 20. und 21. April 1945 von Sachsenhausen auf einen Todesmarsch Richtung Schwerin getrieben.

„Orte und Räume Deutscher Verbrechen gegen die Menschheit“

51.57956314 10.66819668 W Pontelstraße, Ellrich 09/2013 © Herbert Naumann
51.57956314 10.66819668 W
Pontelstraße, Ellrich
09/2013 © Herbert Naumann

Der Fotograf Herbert Naumann hat in den Jahren 2012 und 2013 die ehemaligen Standorte der Außenlager des KZ Buchenwald fotografiert. Die vordergründig dokumentarisch wirkende Fotografie zeigt Orte, die Schauplätze deutscher Verbrechen waren. Die fotografischen Ansichten von Landschaften, Brachen, Grünanlagen, öffentlichen Plätzen, Wohnsiedlungen, Kleingärten etc. liefern zunächst keine oder kaum noch Indizien für das, was hier geschehen ist. Es sind stille und unspektakuläre Bilder mit häufig nur indirekten Hinweisen. Erst der sie begleitende Text stellt den Zusammenhang zwischen den dort begangenen Verbrechen und dem Ort her, lässt in den Bildern die Spuren erkennen, gibt dem Ort seine Identität und nimmt ihm seine Harmlosigkeit. Mit den Fotografien erhalten die Geschehnisse eine neue Aktualität; sie bleiben nicht mehr nur als erzählte Geschichte(n) theoretisch, sondern werden wieder mit dem konkreten, dem erkennbaren, dem realen Ort verbunden.

Die weiteren Bilder von Herbert Naumann finden Sie unter www.herbert-naumann.de.

Heutige Situation

Das Gelände des ehemaligen Außenlagers wurde nach Kriegsende durch die innerdeutsche Grenze geteilt. Fast alle Gebäude wurden im Zuge der Grenzsicherung zerstört, jedoch blieben zahlreiche Fundamente erhalten. Für Besucher:innen war das ehemalige Lagergelände bis 1989 kaum zugänglich. Seit den 1990er Jahren treibt das Projekt „Jugend für Dora“ die Ausgestaltung des Geländes als Gedenkort voran. Seit 2010 informieren Texttafeln, die von der Stadt Ellrich in Zusammenarbeit mit der französischen Commission Dora-Ellrich und der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora angebracht wurden, über das Geschehene. Derzeit wird eine Neugestaltung des Gedenkortes geplant, nachdem an den ehemaligen Standorten der Verbrennungsanlage und eines nahegelegenen Scheiterhaufenplatzes die sterblichen Überreste von mehr als 1.000 Häftlingen lokalisiert werden konnten. Die Grabstätten sollen kenntlich gemacht und das Gelände so gestaltet werden, dass eine historische und räumliche Orientierung entsprechend der Geschichte des Ortes ermöglicht wird. Hierfür setzt sich seit Anfang 2020 unter anderem die örtliche Initiative „Wir zeigen Gesicht“ ein.

Kontakt vor Ort

Initiative „Wir zeigen Gesicht“ Frau Nancy Lüdecke Schmalingstraße 9 99755 Ellrich

Telefon: 0176 59024451

Kontakt zum Förderverein Buchenwald

Für Fragen, Hinweise oder Ergänzungen wenden Sie sich bitte an:

Förderverein Buchenwald
c/o Tourist-Information
Markt 10, 99423 Weimar

03643 747540

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Literatur

Scheuer, Brita: Ein (un)bekannter Ort. Das KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte, in: Heute und einst, 6 (1999), S. 154-158.

Wagner, Jens-Christian: Ellrich 1944/45. Konzentrationslager und Zwangsarbeit in einer deutschen Kleinstadt, Göttingen 2009.

Andere Quellen

Weitere Informationen finden sich auf der Webseite der Gedenkstätte Mittelbau-Dora: https://aussenlager.dora.de/l/de/detail/16