Duderstadt

Im Auftrag des Rüstungsbetriebs Polte richtete die SS im November 1944 ein Frauen-Außenlager in Duderstadt ein. 750 Jüdinnen, größtenteils aus Ungarn, mussten dort täglich zwölf Stunden unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Mindestens vier Frauen sowie ein im Lager geborenes Kind kamen ums Leben. Anfang April 1945 wurden die überlebenden Frauen nach Theresienstadt deportiert. Heute erinnert die „Geschichtswerkstatt Duderstadt“ in verschiedenen Formaten an das Geschehene.

Historische Situation

Bezeichnung

Frauenaußenlager Polte-Werke OHG, Duderstadt

Standort

Das Polte-Werk befand sich im Industriegebiet unterhalb des Euzenbergs, das zu diesem Zweck 1939 um 45 Hektar vergrößert wurde.

Unternehmen

Betreiber der ab Oktober 1939 aufgebauten Fabrik war der Magdeburger Rüstungsbetrieb Polte, im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums. Eingesetzt wurden zunächst angeworbene Fremdarbeiter sowie Zwangsarbeiter aus vielen Ländern Europas, später auch dienstverpflichtete Frauen aus Duderstadt, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Bis Januar 1944 stieg die Zahl der Beschäftigten auf insgesamt 2.487 an. Im November 1944 richtete die SS auf Anfrage der Firmenleitung ein Frauen-Außenlager nahe der Fabrik ein, das vom KZ Buchenwald aus verwaltet wurde.

Zwangsarbeit

Die Zwangsarbeiter wurden hauptsächlich für die Produktion von Flugabwehrgranaten eingesetzt. Lange Arbeitszeiten in wöchentlich wechselnder Tag- und Nachtschicht, ungenügende Bekleidung, mangelhafte medizinische Versorgung und Hunger infolge unzureichender Ernährung kennzeichneten die Lebensbedingungen.

Gegründet

7. November 1944

Aufgelöst

5. April 1945

Das vom KZ Buchenwald verwaltete Außenlager wurde am 7. November 1944 eingerichtet, die für den Einsatz abgestellten Frauen trafen wahrscheinlich schon am 4. November 1944 in Güterwaggons ein.

Häftlinge

Frauenlager

Maximale Anzahl der Häftlinge

750

Die Häftlinge waren 747 junge jüdische Mädchen und Frauen aus Ungarn, zwei aus Polen und eine aus Tschechien. Von Auschwitz transportierte die SS die Frauen in das KZ Bergen-Belsen. Nach Duderstadt gelangten sie auf Veranlassung der Polte-Hauptverwaltung in Magdeburg. Die Firmenleitung hatte bei der SS die Zuweisung von KZ-Häftlingen für das Werk Duderstadt beantragt. Angehörige der Firma Polte suchten 750 für Duderstadt bestimmte Frauen in Bergen-Belsen persönlich aus.
In den fünf Monaten, die das KZ-Außenlager Duderstadt bestand, starben vier der jungen Frauen, ebenso ein im Januar 1945 im Lager geborenes Kind. Eine Schwangere wurde nach Bergen-Belsen zurückgebracht. Um den Vertrag mit dem Polte-Werk über die Gestellung von 750 Häftlingen zu erfüllen, brachte die SS am 28. Januar 1945 weitere fünf Ungarinnen als Ersatz für die Ausfälle aus Bergen-Belsen nach Duderstadt.
Anfang April wurden die überlebenden Frauen von der SS zunächst in Lkw und Bussen, dann in Viehwaggons und schließlich zu Fuß über drei Wochen bis nach Theresienstadt getrieben, wo der Transport am 26. April 1945 eintraf.

Unterbringung

In drei Baracken auf dem Gelände der Möbel- und Polsterfabrik Steinhoff (heute: Dachdeckerbetrieb Koch), nahe dem Polte-Werksgelände.

„Orte und Räume Deutscher Verbrechen gegen die Menschheit“

© Herbert Naumann
© Herbert Naumann

Der Fotograf Herbert Naumann hat in den Jahren 2012 und 2013 die ehemaligen Standorte der Außenlager des KZ Buchenwald fotografiert. Die vordergründig dokumentarisch wirkende Fotografie zeigt Orte, die Schauplätze deutscher Verbrechen waren. Die fotografischen Ansichten von Landschaften, Brachen, Grünanlagen, öffentlichen Plätzen, Wohnsiedlungen, Kleingärten etc. liefern zunächst keine oder kaum noch Indizien für das, was hier geschehen ist. Es sind stille und unspektakuläre Bilder mit häufig nur indirekten Hinweisen. Erst der sie begleitende Text stellt den Zusammenhang zwischen den dort begangenen Verbrechen und dem Ort her, lässt in den Bildern die Spuren erkennen, gibt dem Ort seine Identität und nimmt ihm seine Harmlosigkeit. Mit den Fotografien erhalten die Geschehnisse eine neue Aktualität; sie bleiben nicht mehr nur als erzählte Geschichte(n) theoretisch, sondern werden wieder mit dem konkreten, dem erkennbaren, dem realen Ort verbunden.

Die weiteren Bilder von Herbert Naumann finden Sie unter www.herbert-naumann.de.

Heutige Situation

Auf dem Gelände des während der NS-Zeit zerstörten jüdischen Friedhofs befindet sich seit 1953 ein Denkmal für die jüdischen Einwohner von Duderstadt, insbesondere für die Opfer des Völkermords an den europäischen Juden. Am Ort des ehemaligen Polte-Werks befindet sich heute ein Gewerbegebiet. Seit 1994 erinnert vor Ort ein Gedenkstein an das Außenlager.

Kontakt vor Ort

Geschichtswerkstatt Duderstadt e.V. Sonnenweg 1 37115 Duderstadt

E-Mail: gw-duderstadt@t-online.de Internet: www.geschichtswerkstatt-duderstadt.de

Kontakt zum Förderverein Buchenwald

Für Fragen, Hinweise oder Ergänzungen wenden Sie sich bitte an:

Förderverein Buchenwald
c/o Tourist-Information
Markt 10, 99423 Weimar

03643 747540

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Literatur

Baranowski, Frank: Der Duderstädter Rüstungsbetrieb Polte, in: Ders.: Rüstungsprojekte in Südniedersachsen und Thüringen während der NS-Zeit, Duderstadt 1995, S. 111-176.

Hütt, Götz: Das Außenkommando des KZ Buchenwald in Duderstadt. Ungarische Jüdinnen im Rüstungsbetrieb Polte, Norderstedt 2005.

Pischke, Gudrun: Von Auschwitz nach Duderstadt. Zwangsarbeit bei den Polte-Werken, in: Ebeling, Hans-Heinrich / Fricke, Hans-Reinhard: Duderstadt 1929 – 1949. Untersuchungen zur Stadtgeschichte im Zeitalter des Dritten Reichs. Vom Ende der Weimarer Republik bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland, Duderstadt 1992, S. 281-292.

Pischke, Gudrun: Duderstadt, in: Benz, Wolfgang / Distel, Barbara: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald, München 2006, S. 422ff.

Siedbürger, Günther: Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen 1939-1945, Duderstadt 2005.