Schlieben-Berga (Frauen)

Das Frauenlager Schlieben-Berga wurde im Juli 1944 im Auftrag der Hugo Schneider AG eingerichtet. Bei den zwischenzeitlich fast 1.000 weiblichen Häftlingen handelte es sich überwiegend um politische Gefangene sowie Sinti und Romnija. Mindestens drei Frauen kamen in Schlieben ums Leben. Gegen Kriegsende wurden die Häftlinge per Zug nach Theresienstadt deportiert. In Schlieben gibt es heute einen Gedenk- und Informationsort.

Historische Situation

Bezeichnung

„Frauenaußenlager Hugo-Schneider AG (Hasag), Schlieben“, Tarnname „WK“

Standort

Das Lager befand sich versteckt in einem Kiefernwald in 04936 Schlieben, Ortsteil Berga.

Unternehmen

Hugo Schneider AG (HASAG), Leipzig

Zwangsarbeit

Die Frauen wurden zunächst zur Errichtung von Produktionsstätten eingesetzt, dann zur Produktion von Panzerfäusten. Sie mussten ohne Schutzkleidung flüssigen Sprengstoff kochen und in Panzerfäuste und Granaten einfüllen, weshalb Verbrennungen an den Armen und das Einatmen giftiger Dämpfe zum Arbeitsalltag gehörten.

Gegründet

19. Juli 1944

Aufgelöst

9. April 1945

Das Lager wurde zunächst dem KZ Ravensbrück (als Lager Nr. 1050) zugeordnet. Ab dem 1. September 1944 wurde es dem KZ Buchenwald als Außenlager (Lager Nr. 307) unterstellt.

Häftlinge

Frauenlager

Maximale Anzahl der Häftlinge

1.000

Das Lager wurde am 19. Juli 1944 mit 998 Frauen aus dem KZ Ravensbrück eingerichtet, die meisten davon politische Häftlinge aus Russland und Tschechien sowie Sinti und Romnija aus Ungarn, Österreich und Deutschland. Es folgten weitere Transporte, hauptsächlich mit Angehörigen der Résistance aus Frankreich und Belgien sowie weiteren politischen Häftlingen aus Polen, Jugoslawien, Slowenien, Argentinien und Deutschland. Zudem waren einige Frauen von der SS als „Berufsverbrecherinnen“ oder „Asoziale“ kategorisiert worden. Bis Mitte August 1944 stieg die Zahl der Insassinnen auf annähernd 1.000, von denen über 800 kurze Zeit später in andere Außenlager der HASAG (Altenburg, Leipzig und Taucha) verlegt wurden. Im Oktober 1944 hatte das Lager noch 147 Insassinnen. Durch einen Transport mit 100 politischen Häftlingen, darunter auch Luxemburgerinnen und Staatenlose, stieg die Belegung im November wieder auf 247 Häftlinge. Mindestens vier Frauen, darunter eine Sinteza, eine Belgierin und eine Französin, kamen im Lager ums Leben.
Ab März 1945 wurden die meisten Frauen in andere Lager deportiert. Am 20. April wurden 60 Frauen auf einen Todesmarsch getrieben, der am 26. April bei Altenhain mit der Befreiung durch amerikanische Truppen endete. Weitere Frauen durften im Lager zurückbleiben und wurden am 21. April 1945 von einer sowjetischen Panzereinheit befreit.

Unterbringung

Die Frauen waren in den Steinbaracken des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers untergebracht. Die Häuser sind heute bewohnt.

„Orte und Räume Deutscher Verbrechen gegen die Menschheit“

© Herbert Naumann
© Herbert Naumann

Der Fotograf Herbert Naumann hat in den Jahren 2012 und 2013 die ehemaligen Standorte der Außenlager des KZ Buchenwald fotografiert. Die vordergründig dokumentarisch wirkende Fotografie zeigt Orte, die Schauplätze deutscher Verbrechen waren. Die fotografischen Ansichten von Landschaften, Brachen, Grünanlagen, öffentlichen Plätzen, Wohnsiedlungen, Kleingärten etc. liefern zunächst keine oder kaum noch Indizien für das, was hier geschehen ist. Es sind stille und unspektakuläre Bilder mit häufig nur indirekten Hinweisen. Erst der sie begleitende Text stellt den Zusammenhang zwischen den dort begangenen Verbrechen und dem Ort her, lässt in den Bildern die Spuren erkennen, gibt dem Ort seine Identität und nimmt ihm seine Harmlosigkeit. Mit den Fotografien erhalten die Geschehnisse eine neue Aktualität; sie bleiben nicht mehr nur als erzählte Geschichte(n) theoretisch, sondern werden wieder mit dem konkreten, dem erkennbaren, dem realen Ort verbunden.

Die weiteren Bilder von Herbert Naumann finden Sie unter www.herbert-naumann.de.

Heutige Situation

Mehrere Teile des ehemaligen Lagers sind heute noch vor Ort vorhanden. Die Baracken des Frauenlagers und die Küche sind noch komplett erhalten und wurden zu Wohnungen umgebaut. Ebenfalls erhalten sind zwölf Munitionsbunker, die unter Denkmalschutz stehen. Sie befinden sich auf Privatgelände, können jedoch nach telefonischer Absprache besichtigt werden. Die Ruine des Panzerfaustwerkes, drei Steinbaracken der Wachmannschaften und die Küche der HASAG sind noch vorhanden. Verwaltungs-, Unterkunfts- und Sanitätsgebäude für die Erprobungsstelle (Schießplatz) wurden als Wohnungen umgebaut. Selbiges gilt für das SS-Gästehaus, das im fast originalen Zustand erhalten ist. 2011 wurde im früheren Empfangs- und Verwaltungsgebäude der HASAG, der sogenannten „Grünen Baracke“, eine Gedenkstätte mit einer Dauerausstellung eingerichtet. Sie ist Ausgangspunkt für Rundgänge durch das ehemalige Lager- und Fabrikgelände. Auch Schautafeln und Exponate informieren über die Lagerzeit. An das Lager erinnern heute außerdem das OdF-Denkmal auf Friedhof in Schlieben sowie das FIR-Ehrenmal neben dem ehemaligen SS-Gästehaus in Schlieben-Berga (ehemaliges WIP-Gelände).

Kontakt vor Ort

Verein Gedenkstätte KZ-Außenlager Schlieben-Berga e.V. Herr Uwe Dannhauer Straße der Arbeit 8 04936 Schlieben

Telefon: 035361 80426 E-Mail: info@schlieben-berga.de Internet: www.schlieben-berga.de

Kontakt zum Förderverein Buchenwald

Für Fragen, Hinweise oder Ergänzungen wenden Sie sich bitte an:

Förderverein Buchenwald
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Markt 10, 99423 Weimar

03643 747540

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Literatur

Filar, Marian / Patterson, Charles: From Buchenwald to Carnegie Hall, University Press of Mississippi 2002.

Sir Gilbert, Martin: Sie waren die Boys. Die Geschichte von 732 jungen Holocaust-Überlebenden, Berlin 2007.

Karay, Felicja: Wir lebten zwischen Granaten und Gedichten. Das Frauenlager der Rüstungsfabrik HASAG im Dritten Reich, Köln 2001.

Schellenberg, Martin: Die „Schnellaktion Panzerfaust“. Häftlinge in den Außenlagern des KZ Buchenwald bei der Leipziger Rüstungsfirma HASAG, in: Dachauer Hefte, 21 (2005), S. 237-271.

Seidel, Irmgard: Schlieben (Frauen), in: Benz, Wolfgang / Distel, Barbara: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald, München 2006, S. 560-563.

Strnad, Walter: Das KZ-Außenlager Schlieben. Das Verhängnis tausender Frauen und Männer vor ihrer Befreiung, o.O. 2005.

UFZ-Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (Hrsg.): Leipzig Permoserstraße. Zur Geschichte eines Industrie- und Wissenschaftsstandortes, Leipzig 2001.

Andere Quellen

Magisterarbeit:
Eichendorf, Maja: Das KZ-Außenlager Schlieben und das Projekt „Panzerfaust“