Schlieben-Berga (Frauen)

Das Frauenlager Schlieben-Berga wurde im Juli 1944 im Auftrag der Hugo Schneider AG eingerichtet. Bei den zwischenzeitlich ca. 1.300 weiblichen Häftlingen handelte es sich überwiegend um politische Gefangene sowie Sintezza und Romnija. Bis Ende September 1944 wurde parallel zum Aufbau des Lagers Schlieben-Berga (Männer) die Belegungsstärke auf ca. 200 Frauen reduziert. Mindestens sechs Frauen kamen in Schlieben ums Leben. Gegen Kriegsende wurden 60 Frauen auf einen Todesmarsch nach Westen geschickt, 91 Frauen verblieben im Lager bis zur Befreiung durch die Rote Armee. In Schlieben gibt es heute einen Gedenk- und Informationsort.

Historische Situation

Bezeichnung

„Frauenaußenlager Hugo-Schneider AG (Hasag), Schlieben“, Tarnname „WK“

Standort

Das Lager befand sich versteckt in einem Kiefernwald in 04936 Schlieben, Ortsteil Berga.

Unternehmen

Hugo Schneider AG (HASAG), Leipzig

Zwangsarbeit

Die Frauen wurden zur Produktion von Munition, insbesondere von Panzerfäusten, eingesetzt. Sie mussten ohne Schutzkleidung flüssigen Sprengstoff „kochen“ und in Panzerfäuste füllen sowie Zünder und Granaten befüllen. Verbrennungen und das Einatmen giftiger Dämpfe gehörten zum Arbeitsalltag. Bei Nichterfüllung des Arbeitspensums und Sabotageversuchen bei der Sprengstoffdosierung gab es Bestrafungen wie Essensentzug, Prügel und Scheren der Körperbehaarung.

Gegründet

19. Juli 1944

Aufgelöst

21. April 1945

Der erste Transport mit weiblichen Häftlingen traf am 19. Juli 1944 ein. Das Lager wurde zunächst dem KZ Ravensbrück (als Lager Nr. 1050) zugeordnet. Ab dem 1. September 1944 wurde es dem KZ Buchenwald als Außenlager (Lager Nr. 307) unterstellt. Die Befreiung durch die Sowjetarmee erfolgte am 21. April 1945.

Häftlinge

Frauenlager

Maximale Anzahl der Häftlinge

1.300

Das Lager wurde am 19. Juli 1944 mit 998 Frauen aus dem KZ Ravensbrück eingerichtet, die meisten davon Sinti- und Romafrauen (Sintezza) aus Ungarn, Österreich und Deutschland sowie politische Häftlinge aus Russland und Tschechien. Es folgten weitere Transporte, hauptsächlich mit Angehörigen der Résistance aus Frankreich und Belgien sowie weitere politische Häftlinge aus Polen, Jugoslawien, Slowenien, Argentinien und Deutschland. Zudem waren einige Frauen von der SS als „Berufsverbrecherinnen“ oder „Asoziale“ kategorisiert worden. Bis Mitte August 1944 stieg die Zahl der Insassinnen auf ca. 1.300, von denen alle bis auf ca. 200 bis Ende September in andere Außenlager der HASAG (Altenburg, Leipzig und Taucha) verlegt wurden. Im Oktober 1944 hatte das Lager noch 147 Insassinnen. Durch einen Transport mit 100 politischen Häftlingen, darunter auch Luxemburgerinnen und Staatenlose, stieg die Belegung im November wieder auf 247 Häftlinge. Mindestens sechs Frauen kamen im Lager ums Leben.
Ab März 1945 wurden die meisten Frauen in andere Lager deportiert. Am 20. April wurden 60 Frauen auf einen Todesmarsch getrieben, der am 26. April bei Altenhain nahe Grimma mit der Befreiung durch amerikanische Truppen endete. 91 Frauen weigerten sich, auf Todesmarsch zu gehen und blieben im Lager. Sie wurden am 21. April 1945 von einer sowjetischen Panzereinheit befreit.

Unterbringung

Die Frauen waren in den Steinbaracken des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers untergebracht. Die Häuser sind heute bewohnt.

„Orte und Räume Deutscher Verbrechen gegen die Menschheit“

50.49033034 11.47311956 NW Kiefernweg, Schlieben-Berga 11/2012 © Herbert Naumann
50.49033034 11.47311956 NW
Kiefernweg, Schlieben-Berga
11/2012 © Herbert Naumann

Der Fotograf Herbert Naumann hat in den Jahren 2012 und 2013 die ehemaligen Standorte der Außenlager des KZ Buchenwald fotografiert. Die vordergründig dokumentarisch wirkende Fotografie zeigt Orte, die Schauplätze deutscher Verbrechen waren. Die fotografischen Ansichten von Landschaften, Brachen, Grünanlagen, öffentlichen Plätzen, Wohnsiedlungen, Kleingärten etc. liefern zunächst keine oder kaum noch Indizien für das, was hier geschehen ist. Es sind stille und unspektakuläre Bilder mit häufig nur indirekten Hinweisen. Erst der sie begleitende Text stellt den Zusammenhang zwischen den dort begangenen Verbrechen und dem Ort her, lässt in den Bildern die Spuren erkennen, gibt dem Ort seine Identität und nimmt ihm seine Harmlosigkeit. Mit den Fotografien erhalten die Geschehnisse eine neue Aktualität; sie bleiben nicht mehr nur als erzählte Geschichte(n) theoretisch, sondern werden wieder mit dem konkreten, dem erkennbaren, dem realen Ort verbunden.

Die weiteren Bilder von Herbert Naumann finden Sie unter www.herbert-naumann.de.

Heutige Situation

Mehrere Teile des ehemaligen Lagers sind heute noch vor Ort vorhanden. Die Baracken des Frauenlagers und die Küche sind noch komplett erhalten und wurden zu Wohnungen umgebaut. Ebenfalls erhalten sind zwölf Munitionsbunker sowie die Ruinen des Panzerfaustwerkes, die unter Denkmalschutz stehen. Die Munitionsbunker befinden sich auf Privatgelände, können jedoch nach Absprache (telefonisch oder per E-Mail) mit dem Verein besichtigt werden. Die im Gelände eines Privatwaldes liegenden Ruinen des Panzerfaustwerkes sind über ein Wegeleitsystem mit Informationstafeln unter Beachtung des Unfallschutzes (da weitgehend auf unbefestigten unebenen Wegen) frei zugänglich. Drei Steinbaracken der Wachmannschaften und die Küche der HASAG sind noch vorhanden. Sie und Verwaltungs-, Unterkunfts- und Sanitätsgebäude für die Erprobungsstelle (Schießplatz) wurden als Wohnungen umgebaut. Selbiges gilt für das Gästehaus der HASAG, das im fast originalen Zustand erhalten ist. 2011 wurde im früheren Empfangs- und Verwaltungsgebäude der HASAG, der sogenannten „Grünen Baracke“, eine Gedenkstätte mit einer Dauerausstellung eingerichtet. Schautafeln und Exponate informieren über die Lagerzeit. Sie ist auch Ausgangspunkt für Führungen durch das ehemalige Lager- und Fabrikgelände. Ein 2016 eingeweihter Gedenkstein unmittelbar an der Gedenkstätte erinnert an alle Opfer des Lagers. An das Lager erinnern heute außerdem das bereits 1952 eingeweihte OdF-Denkmal auf dem Friedhof in Schlieben sowie das 1963 eingeweihte FIR-Ehrenmal neben dem ehemaligen Gästehaus der HASAG in Schlieben-Berga (jetzt Gewerbepark).

Standort des Gedenkzeichens

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Kontakt vor Ort

Verein Gedenkstätte KZ-Außenlager Schlieben-Berga e.V. Vorsitzender: Herr Uwe Dannhauer (✝) Straße der Arbeit 8 04936 Schlieben

Telefon: 035361 80426 E-Mail: info@schlieben-berga.de Internet: www.schlieben-berga.de

Dokumente

Die heutige Gedenkstätte mit Gedenkstein in Schlieben (Foto: Verein Gedenkstätte KZ-Außenlager Schlieben-Berga e.V.)
Die heutige Gedenkstätte mit Gedenkstein in Schlieben (Foto: Verein Gedenkstätte KZ-Außenlager Schlieben-Berga e.V.)

Kontakt zum Förderverein Buchenwald

Für Fragen, Hinweise oder Ergänzungen wenden Sie sich bitte an:

Förderverein Buchenwald
c/o Tourist-Information
Markt 10, 99423 Weimar

03643 747540

oder nutzen Sie unser Kontaktformular.

Bitte addieren Sie 7 und 6.

Literatur

Filar, Marian / Patterson, Charles: From Buchenwald to Carnegie Hall, University Press of Mississippi 2002.

Sir Gilbert, Martin: Sie waren die Boys. Die Geschichte von 732 jungen Holocaust-Überlebenden, Berlin 2007.

Karay, Felicja: Wir lebten zwischen Granaten und Gedichten. Das Frauenlager der Rüstungsfabrik HASAG im Dritten Reich, Köln 2001.

Schellenberg, Martin: Die „Schnellaktion Panzerfaust“. Häftlinge in den Außenlagern des KZ Buchenwald bei der Leipziger Rüstungsfirma HASAG, in: Dachauer Hefte, 21 (2005), S. 237-271.

Seidel, Irmgard: Schlieben (Frauen), in: Benz, Wolfgang / Distel, Barbara: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald, München 2006, S. 560-563.

Seidel, Irmgard: Der Einsatz von KZ-Häftlingen in den Werken der Hasag 1944/45, in: UFZ-Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (Hrsg.): Leipzig Permoserstraße. Zur Geschichte eines Industrie- und Wissenschaftsstandortes, Leipzig 2001, S. 84-95.

Strnad, Walter: Das KZ-Außenlager Schlieben. Das Verhängnis tausender Frauen und Männer vor ihrer Befreiung, o.O. 2005.

Verein Gedenkstätte KZ-Außenlager Schlieben-Berga e.V.: Das vergessene Lager … unvergessen! KZ-Außenlager Schlieben, Kommando HASAG (20 S.), o.D.

Andere Quellen

Magisterarbeiten:

Eichendorf, Maja: Das KZ-Außenlager Schlieben und das Projekt „Panzerfaust“

Schellenberg, Martin: Die HASAG-Außenlager des KZ-Buchenwald, TU Berlin, 2005.