Schlieben-Berga (Männer)

Das Männerlager Schlieben-Berga wurde im August 1944 als eines von sieben Außenlagern der Hugo Schneider AG eingerichtet. Die höchste Belegungsstärke betrug 2.559 Häftlinge, insgesamt durchliefen weit über 3.000 Häftlinge das Lager. Dabei handelte es sich überwiegend um Juden. Bei einer Explosion in der Gießerei in der Nacht vom 11. zum 12. Oktober 1944 starben 96 Häftlinge, insgesamt kamen im Lager 214 Männer ums Leben. Gegen Kriegsende wurden die Häftlinge in zwei Transportzügen nach Theresienstadt deportiert. In Schlieben gibt es heute einen Gedenk- und Informationsort.

Historische Situation

Bezeichnung

„Männeraußenlager Hugo-Schneider AG (Hasag), Schlieben“, Tarnname „WK“

Standort

Der Fabrikbereich befand sich versteckt in einem Kiefernwald in 04936 Schlieben, Ortsteil Berga. Das Häftlingslager war von außen einsehbar.

Unternehmen

Hugo Schneider AG (HASAG), Leipzig

Zwangsarbeit

Die Häftlinge wurden zur Produktion von Munition, insbesondere von Panzerfäusten, eingesetzt. Sie mussten giftige Chemikalien mischen und flüssigen, heißen Sprengstoff in die Gefechtsköpfe einfüllen. Schutzeinrichtungen waren nicht vorhanden, Unfälle und Verletzungen an der Tagesordnung. Während der 12-Stunden-Schichten wurden die Häftlinge von deutschen Vorarbeitern der HASAG durch Schreie und Schläge zu größerer Arbeitsleistung angetrieben. Wenn das geforderte Pensum nicht erfüllt wurde, waren Strafmaßnahmen wie Essensentzug und Prügel die Folge.

Gegründet

14. August 1944

Aufgelöst

21. April 1945

Der erste Männertransport traf am 14. August 1944 ein. Wie das bereits bestehende Frauenlager, war auch das Männerlager zunächst dem KZ Ravensbrück zugeordnet. Ab 1. September 1944 unterstand es als Außenlager der Verwaltung des KZ Buchenwald. Am 21. April 1945 wurde das Lager durch die Sowjetarmee befreit.

Häftlinge

Männerlager

Maximale Anzahl der Häftlinge

2.559

Das Lager wurde am 14. August 1944 mit 1.387 Häftlingen aus dem KZ Buchenwald eingerichtet, die meisten davon polnische Juden. Bei der Herstellung des Sprengstoffs in der so genannten Gießerei in der Nacht vom 11. zum 12. Oktober 1944 kam es zu einer folgenschweren Explosion. Es starben 96 Häftlinge. Schon am nächsten Tag mussten die überlebenden Häftlinge mit dem Wiederaufbau der Produktionsanlagen beginnen, zudem kamen weitere Transporte mit neuen Häftlingen an. Im Dezember 1944 erreichte das Lager seine höchste Belegung mit 2.559 Häftlingen. Mit durchschnittlich 2.000 bis 2.500 Häftlingen war Schlieben-Berga das größte Männerlager der HASAG. Es wurde als „jüdisches Kommando“ geführt. Die meisten Männer kamen aus Polen und Ungarn, weitere aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Die sogenannten „Funktionshäftlinge“ waren nichtjüdisch.
Insgesamt kamen durch Hunger, Krankheiten, Arbeitsunfälle und Misshandlungen in Schlieben 214 Häftlinge ums Leben. In den neun Monaten des Bestehens des KZ-Außenlagers in Schlieben, von Mitte Juli 1944 bis April 1945, wurden über 700 Häftlinge nach Buchenwald zurückgeschickt, die meisten ins dortige Krankenrevier, wo 251 von ihnen innerhalb kurzer Zeit starben.
Ab Anfang April wurde das Männerlager „evakuiert“, in zwei Zugtransporten wurden jeweils über 700 Häftlingen nach Theresienstadt deportiert. Die Überlebenden der dort angekommenen ca. 1.100 Häftlinge wurden am 8. Mai 1945 von der Sowjetarmee befreit. Über 100 Häftlinge aus dem zweiten Transport mussten - dem Außenlager des KZ Groß-Rosen zugeordnet - in Bautzen Schanzarbeiten für „Verteidigungsanlagen“ leisten. Am 19. April 1945 wurden sie auf einen Todesmarsch nach Theresienstadt getrieben. Die Überlebenden wurden Anfang Mai bei Nixdorf (Mikulavice, Tschechien) von polnischen und sowjetischen Truppen befreit. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 600 Häftlinge die Transporte und den Todesmarsch nicht überlebten.

Unterbringung

Die Männer waren in Holzbaracken untergebracht, von denen heute keine mehr vorhanden sind.

„Orte und Räume Deutscher Verbrechen gegen die Menschheit“

51.73785576 13.38260293 N Kiefernweg, Schlieben-Berga 11/2012 © Herbert Naumann
51.73785576 13.38260293 N
Kiefernweg, Schlieben-Berga
11/2012 © Herbert Naumann

Der Fotograf Herbert Naumann hat in den Jahren 2012 und 2013 die ehemaligen Standorte der Außenlager des KZ Buchenwald fotografiert. Die vordergründig dokumentarisch wirkende Fotografie zeigt Orte, die Schauplätze deutscher Verbrechen waren. Die fotografischen Ansichten von Landschaften, Brachen, Grünanlagen, öffentlichen Plätzen, Wohnsiedlungen, Kleingärten etc. liefern zunächst keine oder kaum noch Indizien für das, was hier geschehen ist. Es sind stille und unspektakuläre Bilder mit häufig nur indirekten Hinweisen. Erst der sie begleitende Text stellt den Zusammenhang zwischen den dort begangenen Verbrechen und dem Ort her, lässt in den Bildern die Spuren erkennen, gibt dem Ort seine Identität und nimmt ihm seine Harmlosigkeit. Mit den Fotografien erhalten die Geschehnisse eine neue Aktualität; sie bleiben nicht mehr nur als erzählte Geschichte(n) theoretisch, sondern werden wieder mit dem konkreten, dem erkennbaren, dem realen Ort verbunden.

Die weiteren Bilder von Herbert Naumann finden Sie unter www.herbert-naumann.de.

Heutige Situation

Mehrere Teile des ehemaligen Lagers sind heute noch vor Ort vorhanden. Die Baracken des Frauenlagers und die Küche sind noch komplett erhalten und wurden zu Wohnungen umgebaut. Ebenfalls erhalten sind zwölf Munitionsbunker sowie die Ruinen des Panzerfaustwerkes, die unter Denkmalschutz stehen. Die Munitionsbunker befinden sich auf Privatgelände, können jedoch nach Absprache (telefonisch oder per E-Mail) mit dem Verein besichtigt werden. Die im Gelände eines Privatwaldes liegenden Ruinen des Panzerfaustwerkes sind über ein Wegeleitsystem mit Informationstafeln unter Beachtung des Unfallschutzes (da weitgehend auf unbefestigten unebenen Wegen) frei zugänglich. Drei Steinbaracken der Wachmannschaften und die Küche der HASAG sind noch vorhanden. Sie und Verwaltungs-, Unterkunfts- und Sanitätsgebäude für die Erprobungsstelle (Schießplatz) wurden als Wohnungen umgebaut. Selbiges gilt für das Gästehaus der HASAG, das im fast originalen Zustand erhalten ist. 2011 wurde im früheren Empfangs- und Verwaltungsgebäude der HASAG, der sogenannten „Grünen Baracke“, eine Gedenkstätte mit einer Dauerausstellung eingerichtet. Schautafeln und Exponate informieren über die Lagerzeit. Sie ist auch Ausgangspunkt für Führungen durch das ehemalige Lager- und Fabrikgelände. Ein 2016 eingeweihter Gedenkstein unmittelbar an der Gedenkstätte erinnert an alle Opfer des Lagers. An das Lager erinnern heute außerdem das bereits 1952 eingeweihte OdF-Denkmal auf dem Friedhof in Schlieben sowie das 1963 eingeweihte FIR-Ehrenmal neben dem ehemaligen Gästehaus der HASAG in Schlieben-Berga (jetzt Gewerbepark).

Standort des Gedenkzeichens

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Kontakt vor Ort

Verein Gedenkstätte KZ-Außenlager Schlieben-Berga e.V. Vorsitzender: Herr Uwe Dannhauer (✝) Straße der Arbeit 8 04936 Schlieben

Telefon: 035361 80426 E-Mail: info@schlieben-berga.de Internet: www.schlieben-berga.de

Dokumente

Die heutige Gedenkstätte mit Gedenkstein in Schlieben (Foto: Verein Gedenkstätte KZ-Außenlager Schlieben-Berga e.V.)
Die heutige Gedenkstätte mit Gedenkstein in Schlieben (Foto: Verein Gedenkstätte KZ-Außenlager Schlieben-Berga e.V.)

Kontakt zum Förderverein Buchenwald

Für Fragen, Hinweise oder Ergänzungen wenden Sie sich bitte an:

Förderverein Buchenwald
c/o Tourist-Information
Markt 10, 99423 Weimar

03643 747540

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Literatur

Brenner, Hans: NS-Terror und Verfolgung in Sachsen. Von den frühen Konzentrationslagern bis zu den Todesmärschen, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden 2018, Anhang C: KZ-Außenlager in Sachsen.

Filar, Marian / Patterson, Charles: From Buchenwald to Carnegie Hall, University Press of Mississippi 2002.

Sir Gilbert, Martin: Sie waren die Boys. Die Geschichte von 732 jungen Holocaust-Überlebenden, Berlin 2007.

Karay, Felicja: Wir lebten zwischen Granaten und Gedichten. Das Frauenlager der Rüstungsfabrik HASAG im Dritten Reich, Köln 2001.

Schellenberg, Martin: Die „Schnellaktion Panzerfaust“. Häftlinge in den Außenlagern des KZ Buchenwald bei der Leipziger Rüstungsfirma HASAG, in: Dachauer Hefte, 21 (2005), S. 237-271.

Seidel, Irmgard: Schlieben (Frauen), in: Benz, Wolfgang / Distel, Barbara: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald, München 2006, S. 560-563.

Seidel, Irmgard: Der Einsatz von KZ-Häftlingen in den Werken der Hasag 1944/45, in: UFZ-Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (Hrsg.): Leipzig Permoserstraße. Zur Geschichte eines Industrie- und Wissenschaftsstandortes, Leipzig 2001, S. 84-95.

Strnad, Walter: Das KZ-Außenlager Schlieben. Das Verhängnis tausender Frauen und Männer vor ihrer Befreiung, o.O. 2005.

Verein Gedenkstätte KZ-Außenlager Schlieben-Berga e.V.: Das vergessene Lager … unvergessen! KZ-Außenlager Schlieben, Kommando HASAG (20 S.), o.D.

Andere Quellen

Magisterarbeiten:

Eichendorf, Maja: Das KZ-Außenlager Schlieben und das Projekt „Panzerfaust“.

Schellenberg, Martin: Die HASAG-Außenlager des KZ-Buchenwald, TU Berlin, 2005.