Staßfurt

Im September 1944 wurde ein Außenlager in Staßfurt unter dem Decknamen „Reh“ eingerichtet. Ziel war die unterirdische Verlagerung der Produktionsanlagen mehrerer örtlicher Firmen. Die bis zu 500 Häftlinge kamen überwiegend aus Frankreich. Durch die Zwangsarbeit in den Stollen verloren mindestens 106 Häftlinge ihr Leben. Im April und Mai 1945 trieb die SS die Gefangenen auf einen Todesmarsch bis nach Annaberg.

Historische Situation

Bezeichnung

„Außenlager Staßfurt I/Neustaßfurt“, „Männeraußenlager Bauleitung Neustaßfurt, Ingenieurbüro Schlempp“, Rüstungsprojekt „Reh“

Standort

Das Lager befand sich in der Nähe der Schachtanlage VI in Neustaßfurt, zwischen Löderburg-Lust und Atzendorf, 30 Kilometer südlich von Magdeburg.

Unternehmen

Die Häftlinge mussten für mehrere Auftraggeber Zwangsarbeit leisten: Flugzeugwerke Ernst Heinkel AG, Kugellagerfabrik Fischer, BMW, KALAG (Kabel- und Leitungs-AG).

Zwangsarbeit

Die Häftlinge mussten unter anderem für die unterirdische Verlagerung der Produktionsanlagen der Ernst Heinkel AG arbeiten. In den Schächten VI und VII mussten sie Stollen für eine unterirdische Produktionsanlage der Firma KALAG (Kabel- und Leitungs-AG) herrichten. Die Bauplanung lag beim Ingenieurbüro Schlempp.

Gegründet

13. September 1944

Aufgelöst

11. April 1945

Häftlinge

Männerlager

Maximale Anzahl der Häftlinge

500

Am 13. September 1944 wurde das Außenlager Staßfurt I / Neustaßfurt („Reh“) errichtet. Geplant wurde es für 2.000 Häftlinge. Tatsächlich waren zunächst 459 Häftlinge aus dem KZ Buchenwald vor Ort, später bis zu 500. Sie kamen überwiegend aus Frankreich, außerdem aus Polen, Deutschland, Lettland und der Sowjetunion, einige waren als Staatenlose kategorisiert. Weitere Häftlinge wurden ab dem 28. Dezember 1944 in einem zweiten Lager im Staßfurter Ortsteil Leopoldshall untergebracht (siehe den entsprechenden Eintrag auf dieser Website). Durch die Zwangsarbeit in den Stollen unter mörderischen Bedingungen verloren mindestens 106 Häftlinge ihr Leben, nach anderen Angaben könnten es sogar zwischen 300 und 380 Todesopfer gewesen sein. Etwa 40 Totenscheine wurden durch den frei praktizierenden Arzt Gustav Reins aus Löderburg unterschrieben.
Beide Staßfurter Lager wurden am 11. April 1945 in Richtung Tschechoslowakei „evakuiert“. Nach Aussagen ehemaliger Häftlinge überlebten von ursprünglich 700 Häftlingen nur etwa 250 den Todesmarsch, der erst am 8. Mai 1945 in Annaberg endete.

Unterbringung

Die Unterbringung erfolgte in Holzbaracken.

„Orte und Räume Deutscher Verbrechen gegen die Menschheit“

© Herbert Naumann
© Herbert Naumann

Der Fotograf Herbert Naumann hat in den Jahren 2012 und 2013 die ehemaligen Standorte der Außenlager des KZ Buchenwald fotografiert. Die vordergründig dokumentarisch wirkende Fotografie zeigt Orte, die Schauplätze deutscher Verbrechen waren. Die fotografischen Ansichten von Landschaften, Brachen, Grünanlagen, öffentlichen Plätzen, Wohnsiedlungen, Kleingärten etc. liefern zunächst keine oder kaum noch Indizien für das, was hier geschehen ist. Es sind stille und unspektakuläre Bilder mit häufig nur indirekten Hinweisen. Erst der sie begleitende Text stellt den Zusammenhang zwischen den dort begangenen Verbrechen und dem Ort her, lässt in den Bildern die Spuren erkennen, gibt dem Ort seine Identität und nimmt ihm seine Harmlosigkeit. Mit den Fotografien erhalten die Geschehnisse eine neue Aktualität; sie bleiben nicht mehr nur als erzählte Geschichte(n) theoretisch, sondern werden wieder mit dem konkreten, dem erkennbaren, dem realen Ort verbunden.

Die weiteren Bilder von Herbert Naumann finden Sie unter www.herbert-naumann.de.

Heutige Situation

Vor Ort gibt es keinerlei Zeugnisse und Objekte. Heute befindet sich dort ein Industriegelände mit Ablagerungen von chemischen Mitteln des Sodawerkes Staßfurt. Am Löderburger Friedhof befindet sich ein Gedenkstein, dort liegt ein unbekannter Häftling, der auf dem Todesmarsch ums Leben kam. Es wird oft kolportiert, dass die am 6. August 1945 über Hiroshima zur Explosion gebrachte Atombombe „Little Boy“ Uran enthielt, das zumindest teilweise aus den etwa 1.100 Tonnen Uranerz und Uranoxid stammte, das US-Amerikaner in der zweiten Aprilhälfte 1945 in Staßfurt sichergestellt hatten. Das stimmt aber wahrscheinlich nicht, denn für die US-Bombe kam diese Uran-Lieferung wohl zu spät.

Kontakt vor Ort

Stadt- und Bergbaumuseum Staßfurt Pestalozzistraße 6 39418 Staßfurt

Telefon: 03925 323133 E-Mail: museum@stassfurt.net

Verein Spurensuche Harzregion e.V.

Internet: www.spurensuche-harzregion.de

Kontakt zum Förderverein Buchenwald

Für Fragen, Hinweise oder Ergänzungen wenden Sie sich bitte an:

Förderverein Buchenwald
c/o Tourist-Information
Markt 10, 99423 Weimar

03643 747540

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Literatur

Biedermann, Charles-Claude: Staßfurt („Reh“), in: Benz, Wolfgang / Distel, Barbara: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald, München 2006, S. 579f.

Fischer, Torben / Lorenz, Matthias N. (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945, Bielefeld 2008.

Andere Quellen

Vom „Nationalrat des Demokratischen Deutschlands“ wurde eine Publikation unter dem Titel „Aufstieg und Fall des Heinrich Lübke“ herausgegeben, die einschlägige Informationen zum Thema enthält.