Langenstein-Zwieberge

Ziel des im April 1944 begonnenen Projektes „Malachit“ war die Verlagerung von Teilen der Rüstungsproduktion in die Thekenberge bei Halberstadt. Hierfür mussten bis zu 7.000 Häftlinge aus ganz Europa am Bau der Hallen- und Stollensysteme arbeiten. Mindestens 1.789 von ihnen kamen vor Ort ums Leben. Die unterirdischen Produktionsanlagen wurden nie in Betrieb genommen. Im April 1945 trieb die SS etwa 3.000 noch gehfähige Häftlinge auf Todesmärsche, auf denen mindestens 2.550 Häftlinge ermordet wurden. Heute befindet sich vor Ort eine Gedenkstätte mit Dauerausstellung.

Historische Situation

Bezeichnung

„KZ Langenstein-Zwieberge“, Tarnnamen: Projekt „Malachit“, „Maifisch“, Codenamen: „BII“, „Z“, „Mfs“.

Standort

Das Lager befand sich zwischen Blankenburg und Halberstadt, etwa drei Kilometer außerhalb von dem Ort Langenstein, eingebettet durch die Tönnigsberge im Süden, durch die Felsenklippen des Haselholzes im Norden und im Nordwesten durch die Sandsteinfelsen der Zwieberge, sodass das Lager zwischen Wäldern und Hügeln verborgen lag. Die am Bahnhof Langenstein ankommenden Häftlinge durchquerten auf dem Weg zum Lager in aller Öffentlichkeit den Ortskern.

Unternehmen

Die Arbeiten erfolgten im Auftrag des SS-Baustabes der Waffen-SS Heese (innerhalb des Stabes „B2“). Auch weitere Stellen, unter anderem die Einsatzgruppe IV (Kyffhäuser) der Organisation Todt, waren beteiligt. Die „Malachit AG“ war eine Tarngesellschaft der Junkers-Werke.

Zwangsarbeit

Durch das Projekt „Malachit“ sollten Maßnahmen für das „Jäger-u. A4-Programm“ realisiert werden. Das bedeutete die Verlagerung von Teilen der unterirdischen Rüstungsproduktion (Jagdflugzeuge und V2-Raketen) in die Thekenberge bei Halberstadt. Die Mehrzahl der Häftlinge musste am Bau der Hallen- und Stollensysteme arbeiten. In den folgenden 11 Monaten wurden 730.000 Quadratmeter Stollengrundfläche geschaffen. Das Projekt „Maifisch“ bestand aus der Anlage eines Stollensystems im bei Langenstein gelegenen Hoppelberg. Dort sollten Geschützrohre für die Krupp-Gruson-Werke Magdeburg hergestellt werden. Es kam nicht mehr zur Produktion.

Gegründet

21. April 1944

Aufgelöst

11. April 1945

Häftlinge

Männerlager

Maximale Anzahl der Häftlinge

5.160

Das erste Vorkommando für den Aufbau des Lagers bestand im April 1944 aus 18 Häftlingen. Bis Februar 1945 erhöhte sich die Belegung stetig auf bis zu 5.160 Häftlinge zeitgleich. Über die gesamte Zeit hinweg durchliefen etwa 7.000 Häftlinge aus 38 verschiedenen Nationen das Lager, die von der SS aus den KZs Buchenwald, Sachsenhausen und Neuengamme nach Langenstein-Zwieberge gebracht wurden. Als „Funktionshäftlinge“ wurden politische Gefangene eingesetzt. Die Häftlinge bekamen bei 12-Stunden-Schichten teilweise nur eine Mahlzeit pro Tag. Mindestens 1.789 von ihnen kamen vor Ort ums Leben, unter anderem durch Arbeitsunfälle, Hunger und Krankheiten. In einigen Fällen wurden entkräftete Häftlinge durch das Wachpersonal gezielt ermordet. Auch Hinrichtungen durch Erhängen fanden statt. In den letzten Wochen vor Kriegsende stiegen die Todeszahlen derart an, dass Massengräber angelegt werden mussten, da das Krematorium in Quedlinburg das Aufkommen nicht bewältigen konnte.
Am 9. April 1945 wurde das Lager auf Befehl der SS „evakuiert“. Etwa 3.000 noch gehfähige Häftlinge wurden in Gruppen zu je 500 Mann auf einen Marsch gehetzt. Dieser führte auf mehreren Routen im wesentlichen über Quedlinburg, Aschersleben, Köthen, Bitterfeld, Prettin und Wittenberg bis in die Nähe von Buro und Zieko bei Coswig. Eine kleine Gruppe marschierte noch weiter bis in den Raum Magdeburg hinein. Etwa 300 Kilometer mussten zurückgelegt werden. Auf den Todesmärschen wurden mindestens 2.550 Häftlinge durch die SS ermordet. Etwa 1.400 schwer kranke Häftlinge, die im Lager zurückgelassen worden waren, wurden am 13. April 1945 von US-Truppen befreit.

Unterbringung

Die Häftlinge wurden in einem Barackenlager untergebracht, das für 2.000 Häftlinge konzipiert und später rapide überbelegt war. Weitere 800 Häftlinge wurden zeitweise in einer Feldscheune untergebracht.

„Orte und Räume Deutscher Verbrechen gegen die Menschheit“

51.85119518 11.00141287 S Feldscheune „Am kleinen Holz“, Langenstein-Zwieberge 11/2012 © Herbert Naumann
51.85119518 11.00141287 S
Feldscheune „Am kleinen Holz“, Langenstein-Zwieberge
11/2012 © Herbert Naumann

Der Fotograf Herbert Naumann hat in den Jahren 2012 und 2013 die ehemaligen Standorte der Außenlager des KZ Buchenwald fotografiert. Die vordergründig dokumentarisch wirkende Fotografie zeigt Orte, die Schauplätze deutscher Verbrechen waren. Die fotografischen Ansichten von Landschaften, Brachen, Grünanlagen, öffentlichen Plätzen, Wohnsiedlungen, Kleingärten etc. liefern zunächst keine oder kaum noch Indizien für das, was hier geschehen ist. Es sind stille und unspektakuläre Bilder mit häufig nur indirekten Hinweisen. Erst der sie begleitende Text stellt den Zusammenhang zwischen den dort begangenen Verbrechen und dem Ort her, lässt in den Bildern die Spuren erkennen, gibt dem Ort seine Identität und nimmt ihm seine Harmlosigkeit. Mit den Fotografien erhalten die Geschehnisse eine neue Aktualität; sie bleiben nicht mehr nur als erzählte Geschichte(n) theoretisch, sondern werden wieder mit dem konkreten, dem erkennbaren, dem realen Ort verbunden.

Die weiteren Bilder von Herbert Naumann finden Sie unter www.herbert-naumann.de.

Heutige Situation

Vor Ort befindet sich eine Gedenkstätte mit Dauerausstellung, die 2001 überarbeitet wurde. Das dazugehörige Mahnmal wurde ab September 2011 umgebaut. Die künftige Grabgestaltung sieht vor, sechs Grabhügel ehemaliger Massengräber mit Steinmaterial aus dem Stollen zu bedecken. Gedenktafeln für 772 namentlich bekannte Opfer sollen am Rand der Grabgruben angebracht werden, um die Individualität des Einzelnen zu unterstreichen. Die Finanzierung wird über die Einwerbung von Spenden durch den Fördervereins des Lagers sichergestellt. Das südliche Massengrab ist Ruhestätte für nahezu 800 Häftlinge, die nach der Befreiung des Lagers noch zu Tode gekommen sind. Vor Ort erinnern zudem die Stele „Vernichtung durch Arbeit“ von Wolfgang Roßdeutscher und das Mahnmal an den Todesmarsch von Eberhard Roßdeutscher an das Geschehene. Noch zu sehen ist die „Todeskiefer“, die zum Aufhängen von Flüchtlingen diente, ein Nachbau eines Pfahls mit Stacheldraht zur Folter der Häftlinge, sowie der Aufbau einer Baracke. Ebenfalls noch erhalten sind Reste der Küchenbaracke und der Waschanlage sowie des Krankenreviers. 120 Meter des Stollensystems sind seit April 2005 für Besucher begehbar.

Kontakt vor Ort

Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge Vor den Zwiebergen 1 38895 Halberstadt OT Langenstein

Telefon: 03941 567326 E-Mail: info-langenstein@erinnern.org Internet: gedenkstaette-langenstein.sachsen-anhalt.de

Förderverein Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge e.V. Vor den Zwiebergen 1 38895 Halberstadt OT Langenstein

Telefon: 0151 56679043 E-Mail: kontakt@foerderverein-langenstein-zwieberge.de Internet: foerderverein-langenstein-zwieberge.de

Kontakt zum Förderverein Buchenwald

Für Fragen, Hinweise oder Ergänzungen wenden Sie sich bitte an:

Förderverein Buchenwald
c/o Tourist-Information
Markt 10, 99423 Weimar

03643 747540

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Literatur

Berti, Alberto: Die Reise zum Planeten der Nazis. Trieste – Buchenwald – Langenstein, Mailand 1989.

Birze Miervaldis: Grashalme aus Lettland. Erzählungen, Wien 2000.

Bertrand, Louis: Nummer 85250. Konzentrationslager Buchenwald - Außenkommando Langenstein-Zwieberge. Erinnerungen / Témoignage, Halle 2019.

Burelli, Dino: Mama, mir geht's gut… Ich hab mir nichts getan!, Magdeburg 2010.

Fauser, Ellen: Die Kraft im Unglück. Erinnerungen an Langenstein-Zwieberge, Halberstadt o.J.

Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge (Hrsg.), Die Kraft im Unglück. Erinnerungen an Langenstein-Zwieberge – Außenlager des KZ Buchenwald (ausgewählt und eingeleitet von Ellen Fauser), Halberstadt o.J.

Le Goupil, Paul: Erinnerungen eines Normannen 1939-1945, Paris 1995.

Hager, Konrad: Protokoll des Unbegreiflichen. Aus dem Tagebuch eines Landpfarrers, Halberstadt 1945, Neudruck 2008.

Leroyer, Roger: Clamavi ad te, Jena 2003.

Lustiger, Gila: Die Bestandsaufnahme, Berlin 1995.

Petit, Georges: Rückkehr nach Langenstein. Erfahrungen eines Deportierten, Hürth 2004.

Stahl, Andreas: NS-Baracken - unbequeme und vergessene Artefakte deutscher Vergangenheit. Ergebnisse einer Provenienzforschung zum KZ-Außenlager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt, in: Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt, 23 (2015) 2, S. 52-77.

Valantin, Jean-Pierre / Bertrand, Nicolas: Der Todesmarsch der Häftlinge des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge / La marche de la mort des détenus du camp de concentration de Langenstein-Zwieberge, Halle 2018.

Wesenberg, Denise: Das Ende des Konzentrationslagers „B2“ - „Malachit“ - „Langenstein-Zwieberge“, in: Dachauer Hefte, 20 (2004), S. 88-98.

Wesenberg, Denise: Langenstein-Zwieberge, in: Benz, Wolfgang / Distel, Barbara: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald, München 2006, S. 487-491.