Leipzig-Schönefeld (Frauen)

Im Juni 1944 entstand in Leipzig das erste Frauen-Außenlager des KZ Buchenwald. Bis Januar 1945 stieg die Belegung auf 5.091 Frauen aus 28 verschiedenen Ländern, ein Drittel von ihnen waren Jüdinnen. Sie mussten in 12-Stunden-Schichten für die Hugo Schneider AG Munition und Granaten herstellen. Mindestens 18 Frauen sowie vier neugeborene Kinder starben im Lager, mehr als 500 Menschen wurden mit Todestransporten in verschiedene KZs deportiert. Im April trieb die SS die verbliebenen Frauen auf Todesmärsche in Richtung Osten. Heute setzt sich die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig für einen angemessenen Umgang mit der Geschichte des Ortes ein.

Historische Situation

Bezeichnung

„KZ-Außenlager HASAG Leipzig“, „Frauenaußenlager Hugo Schneider AG (Hasag) Leipzig“

Standort

Das Lager befand sich auf dem Gelände der Kamenzer ­Straße 10 und 12 (damals Bautzner Straße) im Leipziger Stadtteil Schönefeld. Das Gelände war von einem Stacheldrahtzaun und Wachtürmen umgeben, auf denen sich SS-Posten befanden. Vom Lager aus mussten die Häftlinge in Kolonnen zu Fuß in das etwa einen Kilometer entfernte HASAG-Hauptwerk laufen.

Unternehmen

Auftraggeber war die Hugo Schneider Aktiengesellschaft (HASAG), die ihren Firmenhauptsitz in Leipzig hatte, während des Zweiten Weltkrieges einer der größten Rüstungskonzerne im Deutschen Reich. Der Konzern besaß große Werke in Deutschland und im besetzten Polen, in denen er von tausenden jüdischen Männern und Frauen, zivilen Zwangsarbeiter:innen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen Munition und Panzerfäuste herstellen ließ. Im Zusammenhang mit der Verlagerung der Produktion von Polen nach Deutschland und der verstärkten Produktion von Panzerabwehrwaffen begann die HASAG im Sommer 1944 mehrere KZ-Außenlager einzurichten.

Zwangsarbeit

Unter schwersten Bedingungen arbeiteten die Frauen in 12-Stunden-Schichten in der Rüstungsproduktion der HASAG, vor allem in der Fertigung von Munition und Granaten. Gewalt, stundenlanges Appellstehen, Hunger, Krankheiten und Erschöpfung prägten den Lageralltag.

Gegründet

9. Juni 1944

Aufgelöst

13. April 1945

Häftlinge

Frauenlager

Maximale Anzahl der Häftlinge

5.091

Am 9. Juni 1944 kamen die ersten 800 Frauen aus dem KZ Ravensbrück im Außenlager „HASAG Leipzig“ an. Dabei handelte es sich zunächst überwiegend um „politische“ Polinnen, die zuvor im KZ ­Majdanek gewesen waren, sowie sowjetische kriegsgefangene Soldatinnen. Später wurden vor allem Frauen aus der Sowjetunion, Frankreich und Polen in das Lager eingeliefert. Anfang August trafen über 1.200 polnische Jüdinnen ein, die zum Teil auch kleine Kinder bei sich hatten. Diese Frauen hatte die HASAG aus dem aufgelösten firmeneigenen Zwangsarbeitslager in Skarżysko-Kamienna im Generalgouvernement zur Zwangsarbeit nach Leipzig bringen lassen.
Insgesamt befanden sich Frauen 28 verschiedener Nationalitäten im­ Leipziger Lager, unter anderem aus Belarus, Belgien, Griechenland, Tschechien, Jugoslawien, Italien, Spanien, Serbien, Kroatien, Holland, Estland, Rumänien, Portugal, Schweiz, Argentinien, England, Litauen, Luxemburg, Ungarn und der Ukraine, sowie eine Staatenlose. Ein Drittel von ihnen waren Jüdinnen, auch Sinti und Romnja waren unter den Häftlingen. Das Lager entwickelte sich innerhalb von fünf Monaten nach der Gründung zum größten Frauen-Außenlager des KZ ­Buchenwald. Am 3. Januar 1945 waren 5.091 Insassinnen registriert.
Die Lagerleitung oblag von Beginn an SS-Obersturmführer Wolfgang Plaul, ihm unterstanden 25 SS-Unterführer, 87 SS-Männer sowie über 60 KZ-Aufseherinnen. Viele Häftlinge wurden von den Bewacher:innen misshandelt, und mindestens 18 Frauen sowie vier neugeborene Kinder starben im Lager. Durch die regelmäßigen Selektionen war der Tod allgegenwärtig. Kranke und schwangere Frauen wurden nach Auschwitz deportiert oder in andere Konzentrationslager überstellt. Mehr als 500 Gefangene, die als „arbeitsunfähig“ galten, wurden mit Todestransporten in die KZ Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen abgeschoben. Unter ihnen waren auch 25 Kinder im Alter von vier bis 17 Jahren.
Zwischen dem 6. und 14. April 1945 räumte die SS die Außenlager des KZ Buchenwald im Raum Leipzig. Damit wollte sie verhindern, dass die Gefangenen von den anrückenden Alliierten befreit werden. Am 13. April trieb die SS die Häftlinge der HASAG-Außenlager auf Todesmärsche in Richtung Osten. Wer versuchte zu fliehen oder vor ­Schwäche zurückfiel, wurde von den Wachmannschaften erschossen. Die Überlebenden wurden schließlich Anfang Mai 1945 in der Gegend um die Stadt Riesa befreit. Die im Lager zurückgebliebenen schwachen und kranken Häftlinge wurden von der US-Armee am 18. April 1945 befreit.

Unterbringung

Das Lager bestand aus mehreren Baracken sowie einem zweigeschossigen und unterkellerten massiven Steingebäude. Dieses heute noch erhaltene „Lagergebäude J“ diente bereits seit 1941 der Unterbringung von polnischen zivilen Zwangsarbeiter:innen. Im Sommer 1944 wurden das Gebäude sowie die daneben befindlichen Baracken zum KZ-Außenlager umfunktioniert. Im Erdgeschoss des Gebäudes befanden sich das Krankenrevier, die Schreibstube sowie die Küche und die Kantine des Lagers. Im Keller lagen der Waschbereich und Luftschutzräume.

„Orte und Räume Deutscher Verbrechen gegen die Menschheit“

51.35876168 12.43618548 WSW Kamenzer Straße, Leipzig 09/2013 © Herbert Naumann
51.35876168 12.43618548 WSW
Kamenzer Straße, Leipzig
09/2013 © Herbert Naumann

Der Fotograf Herbert Naumann hat in den Jahren 2012 und 2013 die ehemaligen Standorte der Außenlager des KZ Buchenwald fotografiert. Die vordergründig dokumentarisch wirkende Fotografie zeigt Orte, die Schauplätze deutscher Verbrechen waren. Die fotografischen Ansichten von Landschaften, Brachen, Grünanlagen, öffentlichen Plätzen, Wohnsiedlungen, Kleingärten etc. liefern zunächst keine oder kaum noch Indizien für das, was hier geschehen ist. Es sind stille und unspektakuläre Bilder mit häufig nur indirekten Hinweisen. Erst der sie begleitende Text stellt den Zusammenhang zwischen den dort begangenen Verbrechen und dem Ort her, lässt in den Bildern die Spuren erkennen, gibt dem Ort seine Identität und nimmt ihm seine Harmlosigkeit. Mit den Fotografien erhalten die Geschehnisse eine neue Aktualität; sie bleiben nicht mehr nur als erzählte Geschichte(n) theoretisch, sondern werden wieder mit dem konkreten, dem erkennbaren, dem realen Ort verbunden.

Die weiteren Bilder von Herbert Naumann finden Sie unter www.herbert-naumann.de.

Heutige Situation

Im Laufe des Jahres 1945 wurde das Werksgelände der HASAG von der Sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt. 1950 wies die Leipziger Wirtschaftsverwaltung den Bereich des ehemaligen HASAG-Nordwerks der VVB ABUS Halle (Vereinigung Volkseigener Betriebe für die Ausrüstung von Bergbau und Schwerindustrie) als Baufläche zu. Das ehemalige Hauptgebäude des KZ-­Außenlagers in der Kamenzer Straße 12 ließ der Betrieb enttrümmern und instand setzen und nutzte es anschließend als Verwaltungsgebäude. Heute befindet sich das Gebäude im Leipziger Nordosten in privater Hand und dient der militanten Rechtsradikalenszene als Treffpunkt. Dies erschwert ein angemessenes Gedenken in hohem Maße. Die vor Ort angebrachte Gedenktafel und das Wegzeichen zur Erinnerung an das KZ-Außenlager und die Opfer der Todesmärsche wurden in der Vergangenheit in regelmäßigen Abständen zerstört. Der Leipziger Stadtrat verurteilte dies in einem Beschluss vom 28. Mai 2020 und erkannte die besondere historische Bedeutung des Ortes an. Die 2001 eingerichtete Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig setzt sich für einen angemessenen Umgang und eine tiefergehende Auseinandersetzung ein.

Kontakt zum Förderverein Buchenwald

Für Fragen, Hinweise oder Ergänzungen wenden Sie sich bitte an:

Förderverein Buchenwald
c/o Tourist-Information
Markt 10, 99423 Weimar

03643 747540

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Literatur

Karay, Felicja: Wir lebten zwischen Granaten und Gedichten. Das Frauenlager der Rüstungsfirma HASAG im Dritten Reich, Köln/Weimar/Wien 2001.

Sacha, Magdalena: Polinnen und polnische Jüdinnen im Außenlager HASAG-Leipzig: Zusammen, aber getrennt, in: Moller, Sabine/Rürup, Miriam/Trouvé, Christel (Hrsg.): Abgeschlossene Kapitel? Zur Geschichte der Konzentrationslager und der NS-Prozesse, Tübingen 2002, S. 69-87.

Schellenberg, Martin: Die „Schnellaktion Panzerfaust“. Häftlinge in den Außenlagern des KZ Buchenwald bei der Leipziger Rüstungsfirma HASAG, in: Dachauer Hefte, 21 (2005), S. 237-271.

Schönemann, Sebastian: Das Frauen-Außenlager „HASAG-Leipzig“ in Leipzig-Schönefeld: Neue Forschungen zur Geschichte und zum Ort des Lagers, in: MEDAON – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, 8 (2014), 15, S. 1–5.

Seidel, Irmgard: Jüdische Frauen in den Außenkommandos des Konzentrationslagers Buchenwald, in: Bock, Gisela (Hrsg.): Genozid und Geschlecht. Jüdische Frauen im nationalsozialistischen Lagersystem, Frankfurt a.M. 2005, S. 149-168.

Seidel, Irmgard: Leipzig-Schönefeld (Frauen), in: Benz, Wolfgang / Distel, Barbara: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald, München 2006, S. 495-500.